Hallo Leute,
als Rap-Fan aus dem Ruhrgebiet sagt man nichts Außergewöhnliches, wenn man die Ruhrpott AG zu den einflussreichsten und prägendsten Deutschrap-Formationen der vergangenen 15 Jahre zählt. Aber auch ohne jedwede lokalpatriotistisch geprägte Sichtweise dürfte diese These jeder Debatte standhalten. Aphroe, Mr. Wiz, Pahel und Galla haben das Spiel in Deutschland revolutioniert: Nie zuvor ist auf einer Rap-Platte derart ausgefeilt mit unserer Sprache umgegangen worden. Manch ein Konsument soll sich gar ein Wörterbuch in den Rucksack gepackt haben, bevor er mit dem RAG-Sound auf den Ohren zur S-Bahn-Haltestelle marschiert ist, um ansatzweise zu kapieren, was die Jungs überhaupt sagen. Ob es geholfen hat, ist nicht überliefert.
Ich brauchte ein paar Wochen länger als meine Freunde, um auf “Unter Tage” aufmerksam zu werden, was einerseits daran lag, dass ich deutschen Rap zwar irrsinnig spannend, oft aber auch noch sehr hölzern fand. Viel mehr als die Stieber Twins, Cora E. und Too Strong gab es damals nicht für mich, auch wenn sich etwa auf dem “Klasse von 95″-Sampler zahlreiche grandiose Tracks (von nicht minder guten Künstlen) fanden. RHP mochte ich nicht besonders (wenngleich 3P ein prägendes Label werden sollte), und auch mit dem Kontrastprogramm aus Stuttgart, den Fantas, konnte ich wenig anfangen.
Jetzt also “Unter Tage”. Ich sah einen Kollegen am Bahnsteig vor sich hinrappen. “Klangkörpergrößen sind lang, lang zu groß, als dass man sie auf den Schoß nehmen kann, Kleiner. Und glaub mal nicht du seist ein Mann, nur weil einer deiner Kollegen aus der Regenrinne saufen kann.” Das wollte ich mir genauer anhören. Ich fragte nach dem Kopfhörer. Und war prompt gefangen in einer der großartigsten Platten, die ich bis dato gehört hatte.
Auf dem Schulhof kannte mittlerweile jeder Rapinteressent das Album, das sich zu jener Zeit mit der ebenfalls 1998 erschienenen “Bambule”-Platte der Beginner unfreiwillig im Wettstreit befand und um die Gunst der Zuhörer buhlte. Ich bin sicher: In jenem Jahr hat sich Rap in Deutschland auf das nächste Level gebeamt, sowohl in technischer, als auch in kommerzieller Hinsicht. Man fragte sich damals nicht, ob denn wohl eine interessante Platte rauskäme, sondern in welche man sein spärliches Taschengeld zuerst investieren sollte. Der Gang zu Uprock, einem leider längst geschlossenen Plattenladen in der Dortmunder Innenstadt, war obligatorisch, und das mehrmals pro Woche. Derweil hatte ich das RAG-Album längst auswendig gelernt, denn das hörte ich immer und immer wieder. Mir ist klar geworden: Ich muss rappen.
Galla war Teil einer Gruppe, die mich ein kleines Stück weit zu dem gemacht hat, was ich heute bin. Seit 13 Jahren begleitet mich diese Platte, die einer der Gründe ist, warum ich Rappern eine gewisse Verantwortung ihren Hörern gegenüber attestiere. Weil ich weiß, wie sehr Musik prägen kann, wenn man gedanklich noch nicht ausgewachsen ist. Sag mir, welche Musik du hörst, und ich sage dir, wie sie dich beeinflusst. Und RAG haben mich beeinflusst. Maßgeblich. Mein Interesse an Sprache, die mir ohnehin ganz gut lag, wuchs weiter. Heute bin ich studierter Journalist. Auch dank RAG. Auch dank Galla.
Ich hatte leider relativ selten das Vergnügen, ihn zu treffen. Besonders gut erinnere ich mich aber an eine Jam in der Dortmunder Livestation, als wir uns recht ausgiebig unterhalten konnten. Ich durfte Galla als warmherzigen, offenen Menschen kennenlernen, der – soweit mein Eindruck – auch wegen seiner bodenständigen Art überall recht beliebt war. An jenem Abend sprachen wir auch lose über eine mögliche Zusammenarbeit, die wir eigentlich schon für Infernos und meine “Mond-Licht-Schatten”-LP geplant hatten. Es sollte nicht mehr dazu kommen.
Klammheimlich hatte ich die Hoffnung auf ein drittes RAG-Album nie aufgegeben. Auch das Releasedate einer Filo-Joes-Platte hätte ich als (rap-)geschichtsträchtiges Ereignis gefeiert. Hätte die Szene im Ruhrgebiet ihre ideale Ausgangsposition und ihr Standing, die sie sich mit ebenjenen Releases wie “Unter Tage” um die Jahrtausendwende herum aufgebaut hat, auf eine Infrastruktur zurückgreifen können (oder sich zusammengetan, um sie selbst zu erschaffen), wie es sie in Stuttgart (0711) oder Hamburg (Eimsbush) gab, dann hätten wir vielleicht mehr hören dürfen von dem Sound, der so viele Heads maßgeblich geprägt hat. Aber auch so hinterlässt Galla uns zahlreiche lyrische Geniestreiche, mit denen er seinen Stammplatz auf den Vinyltellern, CD- und MP3-Playern weiterhin sicher hat – auch nach seinem Ableben.
Um Gallas Verdienste ansatzweise zu würdigen, haben Back-Draft (2Seiten) und ich auf dem Hip Hop Kemp Unterschriften gesammelt. Auf einem Trikot des VfL Bochum 1848, das der Verein freundlicherweise zur Verfügung stellte, verewigten sich unter anderem Method Man & Redman, Pharaohe Monch, Ill Bill, Vinnie Paz, Sean Price, Guilty Simpson, Black Milk, KIZ, DJ Supreme, Looptroop Rockers, DJ Vadim, Hulk Hodn, Suff Daddy, Pierre Sonality und Herr von Grau. Das Trikot wird demnächst versteigert. Mit dem Erlös soll ein Teil der Beerdigung von Galla finanziert werden. Wenn es los geht, werdet ihr es unter anderem hier erfahren.
Macht’s gut,
Donato